Zum Inhalt springen

CHRISTINE

Christine Ebner wird zu Beginn des Spätmittelalters geboren, einer Zeit tiefer Religiosität. 
Das Individuum, so wie wir es heute kennen, gibt es nicht, wichtig ist die Gemeinschaft.
Das Leben der Christine Ebner und ihrer Mitschwestern ist gotterfüllt. Es ist eine Gemeinschaft starken Glaubens und des tiefen Wunsches nach Hingabe. Gebete bis zur Trance und Selbstkasteiung führen zu ekstatischen Zuständen.
Mit ca. 40 Jahren beginnt Christine systematisch ihre Visionen und auch die Naherfahrungen ihrer Mitschwestern aufzuschreiben. Dazu wurde sie vom Kaplan des Klosters und später auch von Bruder Konrad von Füssen angeregt.
Christine Ebners herausragende Begabung lässt sich im Rahmen ihrer ebenso gläubigen Mitschwestern wie folgt beschreiben: Alle Klosterschwestern sind wie die Strahlen eines Lichtes, sie leuchten weit, weit hinaus und werden dabei immer schwächer. Christine Ebner wendet jedoch die Strahlen zur Quelle, um sich mit ihr zu vereinen.
Die kreisförmig angeordneten Strahlen dieses Kunstwerks stehen für die Gemeinschaft der Klosterschwestern und gleichzeitig für die herausragende Strahlkraft von Christine Ebner.
Die frei angeordneten Stäbe folgen keinem Rhythmus. Sie können als Einzelpersonen betrachtet werden, die sich zu einem großen Ganzen vereinen. Eine galvanische Vergoldung lässt alle miteinander verschmelzen und steht für Christine Ebners besonderes Wirken und ihre Strahlkraft. Die eingeritzten Wörter ergeben den Titel eines ihrer im Kloster verfassten Bücher.


Anne Fischer

CHRISTINE EBNER (1277–1356)

Nonne und Mystikerin

Die Dominikanerin Christine Ebner aus dem Frauenkloster Engelthal bei Nürnberg war eine mystische Schriftstellerin. Sie verfasste das Schwesternbuch „Von der Gnaden Überlast“, in dem sie mit hoher Wertschätzung von dem vorbildlichen und gnadenreichen Leben ihrer Mitschwestern berichtete. Daneben schrieb sie ihre persönlichen Offenbarungen nieder. Sie war vermutlich auch Initiatorin und Förderin weiterer literarischen Aktivitäten, die im Kloster Engelthal Raum und Leser:innenschaft fanden.
Ihre Offenbarungen sind in drei schriftlichen Versionen überliefert. Die erste Fassung – von der Mystikerin vermutlich selbst niedergeschrieben – enthält ihre Visionen der Jahre 1344–1352. Dabei entwirft sie das Bild einer literarisch interessierten Visionärin.
Durch den Empfang himmlischer Offenbarungen kam es zu einer nicht gekannten Akzeptanz ungewöhnlicher weiblicher Verhaltensweisen. Wie andere religiöse Schriftstellerinnen stellte sich auch Christine in die Nachfolge von Moses und den Propheten. Auch sie fungiere als Mittlerin zwischen Gott und den Menschen. Die Mystikerin bewies eine klare Einsicht in die Möglichkeiten einer Frau ihrer Zeit: Eindeutig lagen die geschlechtsspezifisch zugeordneten Handlungsräume und -grenzen vor ihr, und doch erhielt sie durch göttliche Gnade und die empfangene „susse rede“ eine Legitimation zu schreiben und auch zu sprechen. Das Prophetinnenamt rechtfertigte es, dass sich Frauen mit theologischen Fragen beschäftigten.

Nadja Bennewitz M.A.

4_10_Christine_Ebner

CHRISTINE

Messingstäbe, montiert, galvanisch vergoldet 47 x 12 x 47 cm