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CARITAS PIRCKHEIMER UND DIE FREIHEIT IM GEWISSEN I UND II

Auf einem gewebten Stoff, der links absichtlich zu einer Öffnung aufgebrochen ist, hängen kleine Fäden, vielleicht Erzählfäden aus einer Zeit wie 1525, als die Reformation in Nürnberg das klösterliche Leben erschütterte. Fäden und Fransen aus einer Zeit des Umbruchs. Es kommt zu gewaltigen Spannungen in allen Lebensbereichen. Die Zeichen der Zeit zeigen auf Sturm. Das alte Gewand der Kirche weist große Mängel auf. Ihr sittlicher Verfall stößt die Gläubigen ab. Die alten Glaubenswahrheiten und die göttliche Ordnung aller Dinge hängen schief. Schiefer als der handgewebte Stoff, der das Gewand einer Klarissin trägt: Caritas Pirckheimer. 
Auch ihr sind Fäden wichtig. Sie sucht sie in den heiligen Schriften, bei den Kirchenvätern, im Austausch mit den Gelehrten ihrer Zeit und verwebt sie zu einer neuen Argumentation, um in ihrer Art den Glauben zu leben und gegen die Anfeindungen 
der Reformation zu rechtfertigen. Mit Wissen und Gewissen verschafft sie sich in der Welt der Männer Gehör und Ansehen. Wir selbst staunen und wundern uns über so viel Leidenschaft in der theologischen Diskussion, über den Kampfesgeist dieser Frau, über ihre Festigkeit, mit der sie behauptete, dass es in Gewissensdingen keinen Zwang geben dürfe: Das ist selbst heute, 500 Jahre später, noch hochaktuell.


Marion Albrecht

CARITAS PIRCKHEIMER (1476–1532)

Äbtissin und Humanistin

Geb. 21.03.1467 in Eichstätt, als Barbara, ältestes Kind der Patrizierfamilie Pirckheimer; ab ca. 1474 in Nürnberg; ab 1479 Klosterschülerin im Konvent St. Klara; dort um 1483/85 Profess als Ordens- schwester Caritas; Novizenmeisterin und Lehrerin; 1503 Wahl zur Äbtissin; 1525 Repressalien gegen das Kloster; Verbot von Messfeiern, Beichte; Zwangs-Unterricht über Glaubensinhalte; Unter- redung mit Phillip Melanchthon; Aussterbekloster; 1529 Äbtissinnenjubiläum; gest. 19.08.1532 in Nürnberg.
Als Kind einer bildungsaffinen Patrizierfamilie wurde sie – auch als Mädchen, was nicht selbstverständlich war – humanistisch umfassend unterrichtet, so auch später im Kloster spirituell- theologisch. Sie blieb dem lebenslangen Lernen auf der Spur und förderte als Äbtissin darin auch ihre Mitschwestern. Die von ihr verfasste Klosterchronik (1524–1528) zeigt sie in ihrem intellektuellen wie geistlichen Bemühen als überzeugte wie gesprächsbereite Verteidigerin ihres Klarissenklosters. Entscheidend war ein Gespräch mit dem Luther-Vertrauten Phillip Melanchthon: „Als er aber hörte, dass wir auf die Gnade Gottes und nicht auf unsere eigenen Werke bauten, sprach er, wir könnten ebenso gut im Kloster selig werden als in der Welt, wenn wir nur nicht auf unsere Gelübde vertrauten.“ Trotz der unterschiedlichen Sicht auf die Gelübde unterstützte Melanchthon das Ansinnen von Caritas auf Gewissens- und Religionsfreiheit, was dazu führte, dass das Kloster zwar bestehen bleiben, aber keine Novizinnen mehr aufnehmen durfte.


Susanne Grimmer

2_5_Albrecht_CaritasPirckheimer_und_die_Freiheit_im_Glauben_I

CARITAS PIRCKHEIMER UND DIE FREIHEIT IM GEWISSEN I UND II

Öl auf gewebten Stoff, Öl auf Leinwand 107 x 136 cm, 100 x 100 cm